Wer, wie ich, gerne asiatisch Essen geht, der wird vielleicht auch meine Beobachtung teilen, dass asiatische Kinder zumeist wesentlich ruhiger sind als die ständig zappelnden deutschen. Während der hiesige Nachwuchs nicht selten mittels portablen Videospiels ruhiggestellt werden muss, sind solche Maßnahmen etwa bei koreanischen Kindern eher die Ausnahme, weil gar nicht erforderlich. Schon bei den Allerjüngsten läßt sich dieses Auffälligkeitsgefälle zwischen deutschen und nicht-deutschen Säuglingen feststellen. Nun erhält meine Beobachtung unerwarteten Rückhalt aus der Kinderpsychologie: Schreibabys seien ein deutsches Phänomen.
Schreibabys, so Karl-Heinz Brisch, Psychotherapeut am Kinderhospital der Uni München, seien zunächst einmal ein Kulturphänomen und nicht etwa Produkt genetischer Disposition. In Lateinamerika zum Beispiel gebe es wesentlich weniger solcher Babys als in Europa. Offenbar sei der natürliche Körperkontakt, die Bindung zwischen Eltern und Kind, mitunter auch die Beziehung der Eltern zueinander, bei Schreibabys gestört. Viele Eltern hätten selbst Störungen, die sich auf die Kinder übertrügen.
„Es ist erschreckend, wie das Vermögen der Eltern für den spontanen Umgang mit dem Kind in allen westlichen Industriestaaten schwindet. Die Grundfertigkeit, mit dem Baby zu kommunizieren, scheint aus dem Ruder zu laufen”, meint Psychologe Thomas Harms, der seit 1993 eine “Schreiambulanz” in Berlin betreibt, die sich über mangelnden Zulauf offenbar nicht beklagen muss.
Da es immer weniger “bindungssichere” Eltern gebe, das heißt “solche, die in ihrer eigenen Kindheit eine sichere Bindung an die Eltern erlebt, diese verinnerlicht haben und quasi lebenslang abrufen können”, gebe es einen immer höheren Zuwachs an “problematischen” Kindern.
Nun, dass viele Deutsche Probleme im Umgang mit Kindern haben, läßt sich wahrlich nicht leugnen. Diese Schwäche steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Neigung, andere (Erwachsene!) zu erziehen. Die Vermutung liegt nahe, dass das eine das andere bedingt, die deutsche Kontroll- und Ratgebermanie lediglich Kompensation sein könnte für eine als traumatisch empfundene Kindheit.
Das Unvermögen vieler Eltern, mit den eigenen Kindern in natürlicher, i.e. angemessener, Weise umzugehen, spiegelt sich auch auf gesellschaftlicher Ebene, in Horten, Schulen und zuletzt selbst Universitäten wider. Die dort anzutreffenden Zustände sind Ergebnis eines umfassenden Desinteresses, die den Nachwuchs primär als kostenverursachenden Freizeit- und Erwerbminderungsfaktor wahrnimmt, den man lieber anderen aufbürdet. So weit, so bekannt.
Allein mit den Ausläufern einer überdrehten protestantischen Leistungsethik, die nunmehr im Gewand eines materialistischen Individualismus’ daherkommt, sind diese hinlänglich bekannten Tatsachen, anders als es der Artikel suggeriert, jedoch nicht erklärbar. Schließlich verfügen auch die Asiaten – insbesondere solche, die im Ausland leben – über ein knalliges Leistungsethos, sind noch denaturiert-technikvernarrter als die Amerikaner und das Maß an Industrialisierung im Fernen Osten steht dem im Westen in wenig nach – wenn überhaupt. Und trotzdem machen asiatische Familien einen deutlich ausgeglicheneren Eindruck als deutsche.
Es muss also noch etwas anderes geben, was vielen deutschen Eltern Anlaß ist, ihren Kindern zu verstehen geben, dass sie eigentlich besser dran wären ohne sie.
Und was immer das ist: es dürfte die gleiche Ursache haben wie die viel beklagte deutsche Kinderlosigkeit (- dass die Klage über mangelnden Nachwuchs ihrerseits einem Kalkül geschuldet ist, welches mit Art. 6 GG – im Grunde mit dem abendländischen Menschenbild als solchem – rein gar nichts zu tun hat: geschenkt!). Es mag schon zutreffen, dass bei vielen, die selbst aus gestörten Familien stammen, die Unsicherheit in eigenen Angelegenheiten so groß ist, dass der Wunsch nach Kindern gegen Null tendiert.
Es könnte darüber hinaus aber auch so sein, dass die allgemeine Bindungs- und Zeugungsunlust kollektiver Ausdruck einer unbewußten Verweigerung gegenüber der eigenen Elterngeneration ist: dieser wird die Enkelgeneration vorenthalten als Vergeltung für die eigene Kindheit.
Darüber redet niemand. Es ist ja auch viel leichter, über Kostenpläne und Haushaltspositionen zu reden.
SoSo !
Noch ein interessantes Thema !
Dieser Blog ist wirklich empfehlenswert.
Ich habe den Link meinen Prof´s gemailt. Reaktion werde ich posten.
Literaturtipp: Aufsätze von Christa Mewes !
oder Max Weber ! Je nach Vorlieben: Psychologisch oder Soziologisch.
Gruß
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