„Niemand wird meines Wissens nach gezwungen, Angebote des Sozialstaates in Anspruch zu nehmen“, schreibt Leser „Solon“ auf meine Kritik am Sozialstaat gesamtdeutscher Prägung im vorigen thread. Wohl wahr! Doch der Vergleich hinkt: denn umgekehrt ist jeder gezwungen, seinen sozialstaatlichen Verpflichtungen nachzukommen. Ausnahmen sind, was das anlangt, nicht vorgesehen. Die Steuer- und Abgabenpflicht fragt nicht danach, ob der Verpflichtete sozialstaatliche Leistungen auch in Anspruch nimmt. Ich zum Beispiel würde meine Rente gerne selber organisieren, anstatt gezwungen zu sein, in ein System einzuzahlen, von dem ich jetzt schon weiß, dass ich im „Erlebensfall“ kaum davon werde leben können. Außerdem stört mich, dass diejenigen, die den Sozialstaat organisieren, ausnahmslos privat versichert bzw. pensionsberechtigt sind – sich also genau den Pflichten planvoll entziehen, denen der Normalbürger sich – bei Androhung von Strafe! – gerade nicht entziehen kann. Und um beim Beispiel Rente zu bleiben: was ist denn das für eine Versicherung, die über Jahrzehnte Beiträge vom Versicherten vereinnahmt, ohne dass der auch nur gefragt wird, um dann bei Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze die Zahlungen erst zu gewähren, nachdem der Berechtigte einen form- und fristgerechten Antrag gestellt hat? Welches Verständnis vom Versicherten kommt in dieser Petitesse zum Ausdruck? Doch wohl keines, was auf einem bürgerlichen Selbstverständnis gründet. Eher eines, das den Beitragszahler als Untertanen begreift und noch aus dem wilhelminischen Zeitalter stammen dürfte. Ist derlei Selbstverständnis einer bürgerlichen Demokratie angemessen?
Was die “Krippen” angeht: ja, da bin ich mir sicher. Darüber bräuchte es aber einen eigenen thread, deshalb nur soviel: ob das Kind einen seelischen Schaden erleidet oder nicht, darauf kommt es aus meiner Sicht gar nicht an. Wahrscheinlich ist ein solcher Schaden allemal. Sicher ist: vom Kind her ist das Konzept der staatlichen “Krippe” jedenfalls nicht gedacht! Überhaupt die Frage zu stellen, was das Kind – um das es bei der ganzen Angelegenheit ja am meisten gehen sollte – wollen könnte, wirkt irgendwie schon irregulär. Tatsächlich geht es bei dem Ruf nach “Betreuung” wohl auch (und vielleicht sogar primär) darum, von der “Last” mit dem eigenen Nachwuchs befreit zu werden. Sollen sich doch andere drum kümmern! Ist doch viel schöner, der eigenen Erwerbstätigkeit nachzugehen, als sich den “Fress- und Kackmaschinen” (Zitat aus einem Leserbrief in der WELT) selber widmen zu müssen. Dass der Mutter die Berufstätigkeit wichtiger ist als der eigene Nachwuchs: das kriegen die Kinder irgendwann auf alle Fälle irgendwie mit. Mit dem Konzept einer staatlichen Krippenbetreuung haben wir gute Chancen, uns die klinischen Fälle von morgen heranzuzüchten. Der Notfall der Versorgung durch Dritte soll zum flächendeckenden Normalfall werden. Wer Zweifel anmeldet, gilt als Ewiggestriger und wird als solcher zu den Akten gelegt. Das kann und wird nicht gutgehen. Es ist kein Zufall, dass gerade in der Ex-DDR das klinische Phänomen des Neonazismus im Vergleich zum Westen so überproportional ausgeprägt ist. Das hat nicht nur mit einer erhöhten Arbeitslosenquote zu tun. Studien, die belegen, dass die Rolle der Mutter in den frühen Lebensjahren gerade nicht substituierbar ist, sind politisch unerwünscht und tauchen in der Debatte erst gar nicht auf. Wie auch immer: ums Kind und um seine Bedürfnisse geht es bei der staatlichen Rundumversorgung am allerwenigsten. Daher hat das „Krippenmodell“ einen nicht abzuschüttelnden Beigeschmack von Aufzucht. Solche kennt man aus dem Tierreich. Hier geht es aber um Menschen.
Bei der Frage nach Lösungen, sollten wir uns zunächst über das zugrundeliegende Problem im klaren sein. Das besteht m.E. einerseits im gewandelten Frauen- und Familienbild in einer durchindustrialisierten Gesellschaft. Um Mißverständnissen vorzubeugen: ich bin ein ausgesprochener Verfechter von Frauenrechten und Emanzipation. Das Maß ihrer Durchsetzung ist nicht selten der Indikator für die Achtung von Menschenrechten in einer gegebenen Gesellschaft überhaupt. Aber dort wo sie zu Lasten von Kindern gehen, muss ein großes STOP-Schild aufgerichtet werden. Die Ursache der Malaise liegt wohl noch eine Schicht tiefer: nämlich im Autonomieproblem. Seit die Frauen – zu Recht! – für sich die gleichen Rechte wie Männer beanspruchen, unterliegen sie den gleichen Bedingungen gesellschaftlicher Anerkennung wie diese. Und diese Anerkennung drückt sich – ob man das nun gut, schlecht oder mittel findet – in Geld aus. Ohne Geld – und zwar bevorzugt selbstverdientes Geld! – bin ich weder in der Lage, mein Leben (halbwegs) selbstbestimmt zu führen noch die allgemeine Anerkennung zu erhalten, die ich benötige, um als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu gelten. Was für das eigene Selbstbewußtsein von erheblicher Bedeutung ist. Deshalb bin ich mir auch nicht sicher, ob das von manchen geforderte „Muttergehalt“ tatsächlich adäquater Ersatz für eine am freien Markt verdiente Entlohnung sein könnte. Hartz-IV-Empfänger haben ja auch Geld (über die Summe hier kein Wort!) und sind trotzdem gesellschaftlich nicht anerkannt, gelten nicht wenigen heimlich als “Schmarotzer”. Könnte das auch staatlich bezahlten Müttern passieren? Jedenfalls wäre eine solche Bezahlung immer noch besser als die Weggabe der Kinder in staatliche Betreuung. Freilich wäre von den so bezahlten Müttern dann auch etwas zu fordern: dass sie ihrer Rolle und Verantwortung als Mutter gerecht werden. Was das anlangt, dürfte es auch so manche Defizite geben. Soll man also für staatliche Erziehungskurse plädieren?
Ich glaube, all das führt in eine Sackgasse. Auch solche Vorschläge sind wiederum vom Staat her gedacht. Kinder sollten aber – jedenfalls in nicht-totalitären Staaten – um ihrer selbst willen geboren werden. Nicht um der Rentenversicherung oder einer sonstigen Institution willen. Ein Patentrezept habe auch ich nicht. Soviel schient mir gewiß: den Eltern muss vom Staat das belassen werden, was zu einer gediegenen Erziehung nötig ist und sie nicht vor die Wahl stellt, sich zwischen Kindern und Erwerbsarbeit entscheiden zu müssen. Niemand sollte bei seinem Kinderwunsch auf staatliche Alimente spekulieren, diesen Wunsch gar von solcher Hilfe abhängig machen müssen. Solche Fälle gibt es bereits. Eine Gesellschaft aber, die ihren Kindern zu verstehen gibt, ein im Grunde unwillkommenes Hindernis bei der Karriere ihrer Eltern zu sein, kann unmöglich eine Zukunft haben.
Nachtrag: Nach EJs Hinweis im vorigen thread läßt sich die These, wonach niemand gezwungen ist, sozialstaatliche Leistungen in Anspruch zu nehmen, nicht länger aufrecht halten.
Ein Nachschlag zum Thema “Krippen”: Was in der Debatte zu kurz kommt, ist die grundsätzliche Möglichkeit, auch Kleinkinder unter 3 Jahre betreuen zu lassen, ohne die Möglichkeit zu haben, sie bei Oma zu parken oder das privat zu finanzieren (das kann nämlich sehr teuer werden). Es ist nicht falsch, eine Infrastruktur dafür zu schaffen, und damit ist ja nicht verbunden, das Kind 5 Tage in der Woche abzugeben. 2 halbe Tage wären auch ein Anfang.
Böse Schelte zu Deinem Satz: “”Dass der Mutter die Berufstätigkeit wichtiger ist als der eigene Nachwuchs[...]“: Wieso immer die Mutter? Als alleinerziehender Vater, der seine jüngste schon als Kleinkind betreut hat (und nebenher studierte) ist es mir völlig schleierhaft, warum diese Aufgabe immer den Müttern zugeschoben wird. Ich halte es für kompletten Unsinn, hier auf die Mutterrole zu insistieren. Ich habe die Erfüllung meiner Aufgabe als “Hausfrau und Mutter” nie als defizitär empfunden und wage zu behaupten, daß meine Kinder das genau so sehen. Von daher empfehle ich eine andere Sichtweise: Emanzipation ist keine Frauensache, sie ist vor allem Männersache.
@ flatter
Da dürfte ein Mißverständnis vorliegen. Ich will gar nichts auf die Mutterrolle reduzieren, behaupte aber, dass die Rolle der Mutter – insbesondere im 1 . Lebensjahr (aber auch noch danach) – nicht zu ersetzen ist. Der Staat sollte m.E. nicht hergehen und mit Angeboten locken oder gar verpflichten dürfen, diese für die spätere Entwicklung des Kindes unwiederbringlich entscheidende Phase Mutter und Kind vorzuenthalten. Deshalb ist es auch kein Skanal, wenn das Sozialamt, wie von EJ im vorigen thread geschildert, arbeitslose alleinerziehende Mütter zwingen kann, ihr Kind an “Krippe” abzugeben. Das nehme ich zurück, weil zu schwach. Ungeheuerlich würde es eher treffen.
Danke erst einmal für die ausführliche, argumentative Erwiderung auf meinen kleinen Kommentar-Einwurf zum letzten Artikel!
Das mit dem Zwang für “Hartz-IV-Mütter”, ihr Kind Krippen zu überlassen, das wusste ich auch nicht! Wirklich erschreckend.
Vielleicht haben sie Recht mit ihren Bedenken hinsichtlich negativer psychischer Folgen einer zu frühen Abgabe von Kindern an Kinderkrippen. Vielleicht ist es aber auch nicht so gravierend. Vielleicht ist es nicht so wichtig, dass die Mutter die Bezugsperson ist in den ganz jungen Jahren, sondern allgemein eine feste Bezugsperson? Eine feste Tagesmutter könnte hier also vielleicht besser sein als eine Kinderkrippen-Gruppe. Ich würde darauf vertrauen, dass Entwicklungspsychologen hier etwas zu sagen können. Auch wenn Psychologen häufig damit zu kämpfen haben, dass ihre Forschungsergebnisse nur akzeptiert werden, wenn sie dem allgemein üblichen “gesunden Menschenverstand” nicht widersprechen.
Aber schwerer wiegt natürlich ihr Einwand, dass Eltern in Versuchung geraten könnten, ihr Kind aus Bequemlichkeit abzugeben. Man könnte natürlich einwenden: Na, umso besser, dass das Kind solchen Eltern entfliehen kann! Aber das verhindert natürlich auch, dass Eltern im Umgang mit dem Kind dazulernen. Endet die Krippenzeit und die Eltern konnten durch die bisherige Versorgung des Kindes in der Krippe bei ihrer Bequemlichkeit bleiben, wächst so auch in Zukunft vielleicht keine richtige Beziehung zwischen Eltern und Kindern und statt in die Krippe wird das Kind dann halt später einfach vor den Ersatzvater und die Ersatzmutter Fernseher oder Computer gesetzt usw…
Es ist schwierig. Vermutlich würde hier nur eine neue Kultur der Konzentration auf die Bedürfnisse des Kindes helfen. Wie sie ja auch fordern. Das müsste vieles beinhalten. Man muss sich nur den Unterschied zwischen unserer heutigen Gesellschaft und dem angucken, wie Menschen früher gelebt haben. Unsere heutige Gesellschaft unterscheidet sich – zumindest für Kinder – derart von den Gesellschaften, die bisher zu 99% der Menschheitsgeschichte das Leben von Kindern geprägt haben: Es gibt keine kleinen Gemeinschaften mehr, bei der die Kinder beständiger Teil des Lebens einer großen, sehr heterogenen Gruppe waren. Manche behaupten ja sogar, dass dieses alte “Stammesleben” in einer Kinderkrippe noch am ehesten wiederbelebt werden kann. Aber für die ersten drei Jahre braucht ein Kind vermutlich etwas ganz anderes und manche Kinder können mit einer Kinderkrippen- oder Kindergartengruppe vielleicht auch gar nichts anfangen. Was braucht das Kind… die entscheidende Frage halt.
Noch ein Satz zu ihrer Kritik am Sozialstaat allgemein: Es ist eben die Frage, ob man eine staatlich gelenkte Solidargemeinschaft möchte, die einerseits Zwang ausübt auf die Beitragszahler, dafür aber prekären Teilen der Gesellschaft zumindest die Sicherheit gewährt, nicht zu verhungen – um es mal etwas überspitzt zu formulieren (mehr wäre nötig, bessere Organisation dieser Aufgaben wäre nötig…). Oder ob man die Absicherung der Lebensrisiken jedem selbst überlässt. Ich befürchte, dass bei Letzterem viele erst recht auf der Strecke bleiben. Und wenn man nur den Starken die Absicherung selbst überlässt, wer soll dann einzahlen in das System, das die Schwachen mitträgt?
Sind also Korrekturen im Detail gefragt unter Beibehaltung des Prinzips der staatlich organisierten Solidargemeinschaft? Oder soll tatsächlich das gesamte Prinzip gar der “Sozialen Marktwirtschaft” gekippt werden?
Vorweg: Die Behauptung, Sozialämter könnten Mütter derart zur Arbeit zwingen, ist mir nicht nachviollziehbar. Es handelt sich dabei, so es geschieht, um einen Fall von Anmaßung und Kompetenzüberscheitung, wie man sie täglich gerade von Arbeits-und Sozialämtern kennt, aber das ist nicht die Rechtslage.
Somit landen wir mitten in einer sonst gern von Rechtkonservativen betriebenen Argumentation: Kinder brauchen Mütter, und Unterbringungsangebote sind Zwang. So spricht der Mixa, aber der ist ja auch Experte für Kinder und Familie.
Mir liegt viel daran, Väter nicht einfach aus der Verantwortung zu entlassen und derart dafür zu sorgen, daß bald niemand mehr Kinder haben will, weil man die Mütter immer noch für blöd verkauft und auf der Arbeit sitzen läßt. Diese haben das entweder längst bemerkt oder lassensich eben weiter verkaspern. So skandalös der angegebene Fall auch wäre, er taugt nicht zum Argument, er gehört vor Gericht.
p.s.: Ein etwas größerer Schriftgrad würde mir gefallen, die Popups finde ich nervig und eine Blogroll vermisse ich. Ansonsten: Weiter so
@ flatter : “das ist nicht die Rechtsgrundlage”
In meinem Wohnort, in dem es etwa seit 2 Jahren eine Krippe gibt, ist das dennoch Praxis. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Praxis gegen oder ohne die entsprechende Rechtgrundlage geübt wird. Die Gegend, in der ich wohne, ist sehr ländlich konservativ. Man weiß hier sehr viele übereinander. Die sozialle Kontrolle ist hoch. Bestimmte (katholische) Kirchengruppen z.B. würden eine solche Praxis der Mutter-Kind-Trennung sofort unterbinden, wenn sie ungesetzlich wäre.
Ich bin kein Jurist, aber ich schätze, da gibt es schon eine Regelung, mindestens einen Ermessensspielraum. Etwa so: ‘Die Mutter muss die Gewähr dafür bieten, dass…” Oder: “Wenn die Mutter nicht die Gewähr dafür bietet, dass …”
Tatsächlich ist Erwerbsarbeit Alleinerziehenden unzumutbar, so weit eine Kinderkrippe nicht zur Verfügung steht und ein Kind jünger ist als drei Jahre. Der Umkehrschluß ist selbstredend nicht zulässig. so daß eine pauschale Verpflichtung zur Aufnahme einer Erberbsarbeit nicht besteht. Es kommt auf den EInzelfall an, und hier wäre Sensibilität gefragt. Wenn ein Kind 2 Jahre und 11 Monate alt ist, wäre eine solche Entscheidung verständlich. Ist das Kind wesentlich jünger, sieht es anders aus. Da gerade für die beiden ersten Lebensjahre das Recht auf Elternzeit besteht, dürfte sich das Problem auf das dritte Lebensjahr beschränken. Auch das ist nicht schön, aber so wird die Diskussion sachlicher. Und zumindest wird niemand ernsthaft behautpten können, Väter könnten ihre Kinder in diesem Alter nicht auch betreuen.