„Es besteht für mich kein Zweifel daran, daß der Feminismus der Versuch ist, als weibliche Gegenreaktion auf die Demokratie, in neuer Form das für die europäische, westliche Zivilisation wesentliche Ideal der Dame aufrechtzuerhalten und unter den Bedingungen der industriellen Massengesellschaft mit einem festeren Fundament zu versehen.“ (Asfa-Wossen Asserate, „Manieren“)
Diese und weitere verblüffende Ein- und Ansichten finden sich in dem mittlerweile wohl zum Bestseller avancierten Buch „Manieren“ von Asfa-Wossen Asserate, eines in Deutschland aufgewachsenen äthiopischen Prinzen, der in Frankfurt am Main hauptberuflich als Unternehmensberater tätig ist. Der Titel ist freilich irreführend – und deshalb bin ich erst jetzt, durch einen Zufall, auf das Buch aufmerksam geworden: wer hier einen Knigge für das 21. Jahrhundert erwartet, wird enttäuscht. Asserate beschreibt höchst subjektiv die Wandlungen (vulgo: den Absturz) der abendländischen Umgangsformen, distanziert und kenntnisreich, wobei trotz aller Schwermut über das Verlorengegangene oder gerade Verlorengehende stets ein anteilnehmender, aber nie gönnerhafter Oberton mitschwingt. Was ihm gelingt, ist nicht weniger als ein ethnologisch fundiertes Sittenbild der Gegenwart. Das Werk ist auch sprachlich eine Freude: selten bekommt man von zeitgenössischen Autoren so gutes Deutsch zu lesen wie hier; es hält die Höhe von der ersten bis zur letzten Seite.
Noch ein Textbeispiel, diesmal zum Thema „geschlechtsneutrale“ Sprache, einer Unsitte, die inzwischen bedauerlicherweise selbst in Gesetzestexten Einzug hält:
„In Jahrtausenden ist die Regel gewachsen, Pluralbildungen im Maskulinum, wenn es der Sinn verlangte, immer auch auf Frauen zu beziehen. […] Daß Mensch und Mann in den meisten europäischen Sprachen dasselbe Wort ist […], hinderte zu allen Zeiten in der Geschichte Europas keinen daran, auch Frauen als Menschen anzusehen, wie es das für das Christentum, Judentum und den Islam verbindliche Alte Testament verkündet hatte. In Amerika nun hat man ausgeheckt, daß das ganze weibliche Geschlecht beleidigt wird, wenn man für den Menschen „man“ sagt, wie seit den ersten Spuren der englischen Sprache üblich. Statt dessen soll das geschlechtsunspezifische „person“ gesetzt werden […]. In den Lexika der englischen Sprache sind besondere Spalten unter dem Stichwort „gender“ geschaffen worden. Dort heißt es: „Sie können sehr beleidigend sein, wenn Sie die geschlechtsunspezifische Terminologie nicht beachten.“ Man spürt schon aus dem Ton, daß hier die Frage der Manieren keine Rolle spielen soll, denn wenn es auch Gegenstand der Manieren ist, möglichst niemanden zu beleidigen, so noch um so mehr, selbst keine Gründe zu suchen, weshalb man beleidigt sein könnte, ja am besten überhaupt niemals beleidigt zu sein (ein hohes Ziel, von wenigen erreicht).“
Und nachdem Asserate einige weitere hanebüchene Beispiele des grassierenden Sprachunwesens zitiert und darauf hingewiesen hat, dass die „Sprache ihren eigenen Gesetzen gehorcht, die nur von der Gesamtheit aller, die sie sprechen – also von niemandem – zu beeinflussen“ ist, kann er sich die Frage nicht verkneifen, ob den „FeministInnen“ die Aussicht wohl gefällt, „eines Tages in der Gesellschaft der abgehalfterten Lingua Tertii Imperii und anderer erledigter Jargons zu landen.“
„Gender Mainstraming“ als unbewußte Anknüpfung an egalitaristische NS-Ideologeme? Freilich mit anderen Mitteln und unter anderen Vorzeichen. Im Kern jedoch die gleiche pathologische Dressur- und Regelungswut, diesmal lediglich auf die Sprache beschränkt: darauf muss man erst mal kommen!
Daher verdient sich Asfa-Wossen Asserates Buch hiermit meinen Lesebefehl und wird außerdem zum Buch des Monats gekürt.