Nach längerer arbeits-, krankheits- und urlaubsbedingter Schaffenspause melde ich mich zurück. Und zwar mit dem Video einer höchst informativen Podiumsdiskussion zum Thema “68″, bei der sich einer meiner ehemaligen Profs, nämlich Ulrich Oevermann, und Daniel Cohn-Bendit die Ehre geben.
Wie der Titel der Veranstaltung nahelegt, geht es in dieser öffentlichen Zankerei nicht nur um das Jahr 1968, sondern auch um die Folgen – bis heute. Und u.a. um die Frage, warum es heute – wo die Krise der Universität wie auch die etwa des Arbeitsmarkts ungleich größer ist – keine den 68ern vergleichbare Protestbewegung gibt.
Mehr will ich jetzt nicht verraten, aber nur so viel: es lohnt sich. Viel Spaß!
Hier der Link.
PS.: Die Blogroll habe ich einstweilen entfernt und das Theme gewechselt. Niemand will ich damit verletzen, aber Abwechslung muss sein!
Das ist wirklich ein super Streitgespräch. Obwohl “Dany le Rouge” manchmal ein bißchen sehr laut ist.:-))
Oevermann hat’s klar erkannt: unter dem Deckmantel recycelter 68-Parolen werden neue autoritative Strukturen etabliert. Zum Schluss fordert er sogar die Abschaffung der Schupflicht. Warum?
Weil darin seines Erachtens die systematische Aberkennung der Neugierde des Kindes liegt. Ich würde noch hinzufügen: weil die Schulpflicht zur staatlichen Indoktrinierung der Schüler mißbraucht werden kann. Ein solcher Mißbrauch zeigt sich zB. daran, dass die Marktwirtschaft im Rahmen schulischer Ausbildung ziemlich schlecht wegkommt.
Dass der lärmende Dany an dieser Stelle dann ausflippt, ist klar, seine Argumente überzeugen aber nicht. Denn die Schule ist nicht, jedenfalls nicht primär, dazu da, Einwanderer zu integrieren, sondern Bildung zu vermitteln. Dass sie diese Primärfunktion in seiner Logik schon längst verloren hat, scheint Cohn-Bendit gar nicht mehr aufzufallen, und fiele es ihm auf, so würde es ihn wohl auch nicht weiter stören.
“Ein solcher Mißbrauch zeigt sich zB. daran, dass die Marktwirtschaft im Rahmen schulischer Ausbildung ziemlich schlecht wegkommt.” Oder im Nichtwissen über die DDR: http://www.welt.de/politik/article2423799/Ostdeutsche-verteidigen-Stasi-und-ZK.html.
Schön übrigens, dass Oeverman einmal klargestellt hat, dass sich der Zorn und die Tribunalisierung der 68er in Sachen “Vergangenheitsbewältigung” gegen die komplett falschen Adressaten richtete. Noch besser finde ich seine Erklärung dafür.
PS: Gut, dass es hier wieder weitergeht! Mehr von solchen Videos, die man im “normalen” Programm nicht zu sehen bekommt.
@ 3
Ja, die Unwissenheit über die DDR (oder gar deren Verklärung) ist ein bildungspolitischer Skandal ersten Ranges.
@ 4
Ask and you shall receive: vgl. den neuen thread von heute.
Denn die Schule ist nicht, jedenfalls nicht primär, dazu da, Einwanderer zu integrieren, sondern Bildung zu vermitteln.
Ach, was nicht sagen! Und was ist Bildung anderes als Integration?
Und was ist Bildung anderes als Integration?
Nach Humboldt „die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen.“
Also schon was komplexeres, meinen Sie nicht?
[Humboldt-Zitat]
Haben Sie schon mal eine bessere Beschreibung dessen gelesen, was Integration ist bzw sein soll? Das ist genau die Integration, die _jeder_ von uns leisten muss, in je unterschiedlichem Maße geleistet _hat_ und die wir von unseren Zuwanderern verlangen.
Und mit “Welt” ist nicht nur die (wie man heute eher nicht mehr sagt) geistige Welt schlechthin, sondern, und darauf muss man wohl hinweisen – “sich selbst bestimmende Individualität und Persönlichkeit” – die _westliche_ gemeint.
Bildung ist _das_ Integrationsinstrument, ist, wenn Sie nicht bloße Anpassung (womöglich Anpassung mit geheimem Vorbehalt) wollen, identisch mit Integration. Dass das Ergebnis vielleicht nicht in jedem im Einzelfall so ganz “gebildet” aussieht, ändert am Prinzip nichts.
Übrigens, finden Sie nicht, dass das von Schelsky popularisierte Humboldtsche Bildungsideal “Einsamkeit und Freiheit”, trotz Vernetzung und Commuity etc. pp., recht gut auch auf die Situation des Blogschreibers passt?
Hm … ich warte und warte. Kommt aber nix. Also frage ich:
Wie ha’m wir’s denn jetzt so mit der faschistischen Volksgemeinschaft à la Aly? Darf die denn den so herrlich befreienden, individualistischen Kettenbrief-Kapitalismus retten?
Das eine oder andere Wort vom (68er- geschädigten) ideologiekritischen Fachmann wäre jetzt womöglich hilfreich …
@”Jan”
Weiß nicht, was Sie haben. Ich habe ja nicht bestritten, dass Bildung in der hier angedeuteten Weise zur Integration führen kann. Ich bin allerdings der Ansicht, dass der Weg zu dieser – autonomiefördernden – Bildung um ihrer selbst willen beschritten werden sollte. Und dass Bildungsinstitutionen sich im Sinne einer solchen Bildung als Anbieter einer im Grunde unbezahlbaren Dienstleistung am Individuum verstehen (und nicht als “Integrationsinstrument”). Davon kann freilich im völlig verschulten Bildungsbetrieb nur selten die Rede sein. Wo Lehrer Beamte sind und Bildungsinhalte (in Form von Lehrplänen) von Politikern bestimmt werden, steht eben nicht der einzelne Schüler im Mittelpunkt des Interesses. Da ist der Weg denn auch nicht mehr weit zu einer pädaogigsch motivierten, gutmenschentümlichen “Integration”, die gerade das Gegenteil dessen hervorbringt, was sie sich auf die Fahne geschrieben hat.
Und übrigens: das einer solchen Bildungstheorie zugrunde liegende Fundament – das haben Sie richtig erkannt – liegt in der europäischen Aufklärung, die m.E. ohne jüdisch-christlich-hellenistische Tradition kaum denkbar ist. Was aber nun, wenn der Adressat eines solchen Bildungsangebots sich gar nicht integrieren will?